Die Zukunft hat längst begonnen!

Schöne, neue Gesundheitswelt

Sensoren, die in Tabletten eingebettet sind, und anzeigen, ob und wann ein Medikament tatsächlich eingenommen worden ist. Maßgeschneidert für die Patientin oder den Patienten auf Rezept hergestellte Tabletten aus dem 3-D-Drucker. Eine Hotline, an der eine Maschine – ein sog. Bot –  nach Symptomen fragt und danach entscheidet, ob ein Arztbesuch notwendig ist oder nicht. Essen einfach per App fotografieren, um Kalorien oder Broteinheiten der Mahlzeit zu berechnen. Das alles sind keine Zukunftsszenarien, sondern Produkte, die es heute schon gibt. Das lässt erahnen, wie weitreichend Digitalisierung die Gesundheitsversorgung von morgen verändern wird. Ein Gastbeitrag von Dr. Ursula Kramer, Gründerin der Plattform HealthOn und regelmäßige Referentin bei den“Digitalen Stammtischen“.

Diagnose, Therapie, Lebensstilveränderung – in allen Bereichen haben digitale Gesundheitsanwendungen mittlerweile Einzug gehalten.

Auch das ist ein Ergebnis des Digitalisierungsfortschritts: Die kontinuierliche Blutzuckermessung, die das Leben für Menschen mit Diabetes deutlich verändert. Über 24 Stunden hinweg liefert sie Messwerte, ganz ohne lästiges Stechen und ohne Blutzuckerteststreifen. Ein Sensor wird am Oberarm angebracht, statt bisher 10 Tage soll die Nutzungsdauer mit einem neuen implantierbaren Sensor auf 90 Tage verlängert werden, die amerikanischen Gesundheitsbehörde hat diesen Sensor bereits zugelassen. Diese neuen Systeme können nicht mehr nur messen, sondern vorhersagen, wie sich der Blutzucker in den nächsten Stunden verändern wird. Sie geben Empfehlungen, ob Insulin gespritzt oder Nahrung aufgenommen werden soll. Es ist leicht vorstellbar, dass Diabetesmanagement damit viel einfacher und die Blutzuckereinstellung damit auch besser werden kann.

Den inneren Schweinhund digital überlisten…

Weil mittlerweile fast jeder mit Smartphones und Apps quasi rund um die Uhr, Tag und Nacht, zuhause, am Arbeitsplatz und auch im Urlaub erreichbar ist, und das über Alters- und Sozialschichten hinweg, liegen große Hoffnungen auf digitalen Lebensstilbegleitern. Statt wie bisher beim Arztbesuch, könnten diese digitalen Helfer die Daten aus digitalen Tagebüchern, aus Fitnessarmbändern, aus Blutdruckmessgeräten oder digitalen Waagen kontinuierlich aufzeichnen und auswerten. Tipps und Handlungsempfehlungen immer dann zu bekommen, wenn man sie braucht, Fragen stellen zu können, immer dann, wenn ein Problem auftaucht, das ist für chronische Patienten, die im Alltag oft auf sich selbst gestellt sind, eine positive Vorstellung. Der digitale Helfer könnte im richtigen Moment dazu motivieren, die Treppe zu nehmen, zu Fuß zum Bus zu laufen oder einen Abendspaziergang zu machen. Er weiß, wie es mir gerade geht, kennt mich und meine Erkrankung und erklärt mir, auf meine Sprache angepasst, was ich wissen muss, um meine Krankheit zu verstehen und meinen Lebensstil positiv zu beeinflussen. Eine angenehme Vorstellung!

Digitalisierung: Der Patient rückt stärker in den Fokus.

Einfacher soll das Leben werden für Patienten. Ein Beispiel Diabetes. Tatsächlich gibt es bereits die ersten Rundumsorglos-Pakete aus Teststreifen, Messgerät, digitalen Diabetes-Tagebuch und integriertem Diabetes-Assistenten, der Daten auswertet, Online-Schulungen macht und auf Fragen antwortet. Die ersten Krankenkassen in Deutschland erstatten solche Systeme bereits.

Individueller und besser soll die Versorgung werden insbesondere für Menschen mit chronischen Erkrankungen, wie Schmerz, Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen. Lassen sich anhand der von der Patientin oder dem Patienten selbst aufgezeichneten Daten aus digitalen Tagebüchern, Apps, smarten Uhren und Fitnessarmbändern, intelligenten Waagen und digitalen Messgeräten sinnvolle Erkenntnisse ableiten, um das Lebensumfeld der Patientinnen und Patienten besser zu verstehen, um Antworten zu finden auf die folgenden Fragen: Wie kommt die Patientin oder der Patient mit einer von der Ärztin oder dem Arzt verordneten Therapie tatsächlich klar, wie ändern sich seine Krankheitssymptome, wie fühlt sich die Patientin oder der Patient unter der Therapie, wie gut sind Blutdruck, Blutzucker und Gewicht eingestellt und wie regelmäßig werden welche Arzneimittel eingenommen? Zusammen mit den Behandlungsdaten, die die Ärztin oder der Arzt bei den Therapiekontrollen erfasst, könnte sich mit dem von der Patientin oder dem Patienten erfassten Daten ein vollständigeres Bild ergeben. Individuelle Unterschiede zwischen Patienten könnten erkennbar werden, ebenso die Hürden, die die Einzelne oder den Einzelnen an der Umsetzung der verordneten Therapie hindern. Wer profitiert von welcher Therapie, wer braucht welche Unterstützung? Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern eine Möglichkeit, die Perspektive der Patienten besser zu verstehen und Therapien zu vereinfachen mit dem Ziel, Behandlungsergebnisse zu verbessern.

Vertrauensvolle Berater – wichtiger denn je

Digitalisierung ist jedoch keine technische Allzweckwaffe für die Lösung aller Gesundheitsprobleme. Denn am Anfang jeder Therapie steht auch im digitalen Zeitalter das Bewusstsein der Patientin oder des Patienten für die Notwendigkeit einer Therapie, die eigene Motivation, Therapieziele festzulegen und erreichen zu wollen. Das ist und bleibt ein sehr persönlicher Entscheidungsprozess der Einzelnen oder des Einzelnen, die Ärztin oder den Arzt und Apothekerinnen oder Apotheker als vertrauensvolle Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner lediglich begleiten können. Zum Beispiel auch durch die Empfehlung sinnvoller Gesundheits-Apps, die zur praktischen Unterstützung da zum Einsatz kommen können, wo sie die Qualität der Versorgung verbessern, wo sie organisatorische Abläufe vereinfachen oder die Kommunikation mit der Patientin oder dem Patienten sinnvoll ergänzen können. Voraussetzung dafür ist immer, dass die Patientin oder der Patient die neuen digitalen Helfer nutzen will und kann. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken digitaler Medien, die Patienten bei der selbstbestimmten Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen stärkt. Gesundheitskompetenz wird zukünftig verstärkt auch eine Frage der Medienkompetenz.

Stärkung der digitalen Gesundheitskompetenz – Schlüssel zur besseren Patientenversorgung

Obwohl das Interesse z. B. an Diabetes-Apps sehr groß ist, haben sie sich noch nicht als gemeinsames Arbeitsmittel von Ärzten, Apothekern und Patienten etabliert. Das hat viele Gründe: Es gibt so viele Apps, welche sind gut und sicher? Welcher App kann ich vertrauen? Wie kann ich Daten aus meinem digitalen Tagebuch mit Ärzten und Apothekern austauschen? Nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte und Apotheker müssen lernen, die Qualität und Vertrauenswürdigkeit digitaler Anwendungen einzuschätzen. Es muss eine sichere, digitale Infrastruktur geben, um Daten miteinander austauschen zu können. Die erforderlichen Entwicklungen lassen weiter auf sich warten. Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und die sog. Telematik Infrastruktur, die Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und Patienten miteinander verbinden soll, hat sich leider immer wieder verzögert.

Digitalisierung – Chance auf bessere Gesundheitsvorsorge

Was macht uns krank, was hält uns gesund, wie können wir uns besser schützen vor Umweltbelastungen, Antibiotikaresistenzen, Virusepidemien? Wie können wir die Arzneimittelversorgung sicherer gestalten und bessere Ergebnisse für die Patientin oder den Patienten erzielen? Die Vernetzung im Gesundheitswesen aller Beteiligten und die Nutzung von Daten, die Verbraucherinnen und Verbraucher und Patienten mit Apps, Messgeräten, Fitnessarmbändern etc. erfassen, können dazu beitragen, Gesundheitsrisiken früher zu erkennen und früher helfend eingreifen zu können. Neue Möglichkeiten wie Videosprechstunden, Online-Beratung und die Einlösung elektronischer Rezepte weisen den Weg in diese digitale Zukunft der Gesundheitsversorgung.

 

Dieser Artikel gibt den Sachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Datum: 15. April 2019

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