Wer regelt wichtige Entscheidungen, wenn wir das selbst nicht mehr können? Was passiert im Notfall mit unseren persönlichen Unterlagen, Bankgeschäften oder digitalen Konten? Mit Themen wie Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung oder digitalem Nachlass beschäftigen sich viele Menschen erst, wenn ein konkreter Anlass besteht. Dabei kann eine frühzeitige Vorsorge Angehörige entlasten und dafür sorgen, dass die eigenen Wünsche berücksichtigt werden.
Welche Regelungen wirklich wichtig sind, worauf man achten sollte und warum juristische Vorsorge nicht nur ältere Menschen betrifft, darüber spricht Silver Tipps mit Mara Kaltenborn. Die Rechtsanwältin und Gründerin der recht-zeitig-vorsorgen RA GmbH bietet mit ihrem Team anwaltliche Beratung zu juristischer Notfallvorsorge und erbrechtlicher Nachfolgeplanung an und beantwortete unsere Fragen rund um die persönliche und digitale Vorsorge.
Liebe Frau Kaltenborn, viele Menschen schieben das Thema juristische Vorsorge vor sich her. Was würden Sie jemandem sagen, der denkt: „Das hat noch Zeit“?
Mara Kaltenborn: Das ist ein sehr verständlicher Gedanke. Vorsorge hat aber weniger mit dem Alter zu tun als mit der Frage, ob im Ernstfall die richtigen Menschen für Sie handeln und Ihre Wünsche kennen. Ein Unfall oder eine schwere Erkrankung kann unabhängig vom Alter eintreten – und dann müssen Entscheidungen oft kurzfristig getroffen werden.
Vorsorge bedeutet nicht, vom Schlimmsten auszugehen. Sie schafft Klarheit und entlastet Angehörige. Wer rechtzeitig eine Vollmacht, eine Patientenverfügung und gegebenenfalls eine testamentarische Regelung trifft, sorgt dafür, dass die eigene Selbstbestimmung auch dann gewahrt bleibt, wenn man nicht mehr selbst entscheiden oder handeln kann.
Was sind die häufigsten Fehler, die Menschen bei ihrer juristischen Vorsorge machen, und wie kann man sie vermeiden?
Mara Kaltenborn: Ein häufiger Fehler ist, auf allgemeine Musterformulare zu vertrauen, ohne zu prüfen, ob sie zur eigenen Lebenssituation passen. Gerade bei Vollmachten, Patientenverfügungen und Testamenten können einzelne Formulierungen weitreichende Folgen haben. Wichtig ist außerdem, nicht nur ein Dokument für sich allein zu betrachten: Vollmacht, Patientenverfügung, Testament, familiäre Verhältnisse und Vermögenssituation sollten inhaltlich zusammenpassen.
Oft fehlen auch klare Regelungen für den Fall, dass die zunächst vorgesehene Person selbst nicht handeln kann oder möchte. Deshalb sollte bedacht werden, ob es sinnvoll ist, Ersatzpersonen zu benennen. Und schließlich müssen die Unterlagen auffindbar und im Ernstfall praktisch nutzbar sein. Die beste Vollmacht hilft wenig, wenn niemand weiß, wo das Original liegt oder wenn die bevollmächtigte Person nichts von ihrer Aufgabe weiß.
Wenn man heute nur einen ersten Schritt in Richtung juristische Vorsorge machen möchte: Welcher wäre aus Ihrer Sicht der wichtigste?
Mara Kaltenborn: Der wichtigste erste Schritt ist aus meiner Sicht, sich bewusst zu machen: Wer soll für mich sprechen und handeln, wenn ich das selbst nicht mehr kann? Diese Frage betrifft medizinische Entscheidungen ebenso wie Bankgeschäfte, Behördenangelegenheiten oder die Organisation des Alltags.
Sprechen Sie mit der Person, die Sie dafür in Betracht ziehen. Vertrauen allein genügt nicht; die Person sollte auch bereit und in der Lage sein, diese Verantwortung zu übernehmen. Auf dieser Grundlage lässt sich anschließend eine Vorsorgevollmacht sinnvoll gestalten. Parallel sollte man die eigenen Wünsche für medizinische Behandlungssituationen schriftlich festhalten und prüfen, ob eine Patientenverfügung passend ist.
Zur Vorsorge gehören heute nicht nur Dokumente im Ordner, sondern auch digitale Daten. Welche Regelungen empfehlen Sie für den digitalen Nachlass und den Notfallzugang?
Mara Kaltenborn: Der digitale Nachlass wird häufig unterschätzt. Dazu gehören nicht nur E-Mail-Postfächer und soziale Netzwerke, sondern auch Online-Banking, Verträge, Fotos, Cloud-Speicher, Kundenkonten und laufende Abonnements. Ohne klare Regelung kann es für Angehörige oder Bevollmächtigte sehr aufwendig sein, sich einen Überblick zu verschaffen, wichtige Verträge zu kündigen oder auf persönliche Daten zuzugreifen. Daher sollte die Vorsorgevollmacht ausdrücklich auch die Verwaltung digitaler Angelegenheiten umfassen.
Empfehlenswert ist ergänzend eine regelmäßig aktualisierte Übersicht über wichtige digitale Konten und Zugänge, gegebenenfalls ergänzt um Passwortlisten. Das kann ganz klassisch eine handschriftliche oder ausgedruckte Liste sein, die sicher verwahrt wird und deren Aufbewahrungsort die Vertrauensperson kennt. Wer digitale Lösungen bevorzugt, kann alternativ einen Passwortmanager nutzen, idealerweise mit einer geregelten Notfallfreigabe. Wichtig ist vor allem, dass Passwörter nicht offen oder für Dritte leicht zugänglich aufbewahrt werden. Für den Todesfall kann es sinnvoll sein, festzulegen, wer sich um die digitalen Konten kümmern soll, welche Daten erhalten bleiben sollen und welche Profile oder Verträge gelöscht werden sollen
Herzlichen Dank für das Interview, Frau Kaltenborn.
Weiterführende Links
Mara Kaltenborn im WDR2-Interview: Mara Kaltenborn über Erben, Sorgerecht und Vorsorgevollmacht – WDR 2 Talk um 9 – WDR 2 – Podcasts und Audios – ARD Mediathek
Zur Website von Mara Kaltenborn: recht-zeitig-vorsorgen – recht-zeitig-vorsorgen
Bildnachweis: Mara Kaltenborn







