Recht auf analoge Teilhabe

Was ist Digitalzwang?

Anrufen beim Arzt, Bezahlung von Rechnungen oder die Abgabe der Steuererklärung ohne Smartphone oder Computer? Das ist immer seltener möglich. Immer mehr private und auch öffentliche Dienstleistungen sind nur noch digital erhältlich. Aber es gibt Widerstand gegen diesen Digitalzwang. 

Marco Zehes Hund wirkte angeschlagen und Marco versuchte deshalb, einen Termin in seiner Tierarztpraxis zu machen. Doch die Praxis hatte eine neue Telefonanlage installiert, die Termine jetzt über eine KI-Anwendung vergibt. Man telefoniert nicht mehr mit einem Menschen, sondern mit einem Computerprogramm. Doch Akuttermine kann das Programm nicht vergeben. Es gab keine Möglichkeit, direkt Kontakt mit der Praxis aufzunehmen. Die einzige Möglichkeit, einen Notfalltermin zu bekommen war über eine Internetseite. Marco Zehe ist blind und die Internetseite ist für ihn nicht barrierefrei zu bedienen. Nach Unterstützung hatte er endlich einen Termin in der Praxis. Dort sprach er den Tierarzt darauf an – und stieß auf Unverständnis, denn die jüngeren Mitarbeitenden hätten das so gewollt.

Hier finden Sie den Social Media Beitrag von Marco Zehe zum Nachlesen: https://norden.social/@marcozehe/116650860937583544)

Was ist Digitalzwang?
So wie Marco Zehe geht es Menschen in ihrem Alltag, auch wenn sie nicht auf besondere Barrierefreiheit angewiesen sind. Das Konto bei der Bank kann nur noch online geführt werden. Das Deutschlandticket gibt es bei vielen Verkehrsbetrieben nur noch in Verbindung mit einer App auf dem Smartphone und für die Bahncard der DB gilt dasselbe. Strom- und Wasserrechnung, die Steuererklärung und viele andere Bereiche sind in unserem Leben zunehmend digitalisiert. Im lokalen Einzelhandel gibt es manche Produkte nicht mehr zu finden. Viele Läden, die spezielle Anfragen bedient haben, sind geschlossen worden. Wer solche Produkte braucht, ist auf den Online-Handel angewiesen. Dort hat man dann keine Möglichkeiten, die Ware vorher zu begutachten und muss diese im Zweifelsfall dann wieder zurücksenden. Dazu versuchen Supermärkte und andere Läden die Kund*innen zu „Kunden-Apps“ zu überreden, die Vorteile wie Sonderangebote oder Zusatzleistungen versprechen.
Auch die Digitalisierung in der Verwaltung soll dem Wunsch von Bund, Ländern und Kommunen größer werden. Zahlreiche Verwaltungsleistungen sollen zukünftig nur noch digital und online zur Verfügung stehen. Bei der Steuererklärung beispielsweise ist die digitale Übertragung bereits Standard und analoger Versand ist nur noch ausnahmsweise vorgesehen.

Viele Menschen haben damit keine Probleme, aber nicht alle können gleichermaßen an dieser Digitalität teilhaben. Fehlende aktuelle Zugangsgeräte oder nicht vorhandene Barrierefreiheit können Probleme darstellen. Manche Menschen wollen ihr gesamtes Leben aber gar nicht digitalisiert haben. Nach Schätzungen leben in Deutschland immer noch über drei Millionen Menschen ohne regelmäßigen Zugang zum Internet. Es sind nicht nur ältere Menschen, die keinen Zugang haben, darunter sind auch viele jüngere Menschen z.B. Menschen mit Behinderungen oder eben Menschen, die nicht digital leben wollen. Weltweit lebt rund ein Viertel der Weltbevölkerung dauerhaft „offline“, also ohne Internetzugang

Welche Möglichkeiten habe ich?
Die Möglichkeiten, sich gegen diesen Digitalzwang zu wehren sind leider nur begrenzt. Es ist eben vielen nicht möglich mal eben so die Haus- oder Facharztpraxis zu wechseln – es fehlen schlicht die Alternativen. Beim persönlichen Kontakt in der Praxis kann man natürlich auf Probleme, die man dadurch hat, hinweisen. Um etwas zu verändern müssen das dann in der Regel schon viele Menschen tun. Der Einfluss der Kund*innen auf das Verhalten von Banken oder Supermärkte ist eher noch begrenzter.

Verschiedene Initiativen haben das Problem bekannt und beschäftigen sich mit dem Thema Digitalzwang. Auch in den Medien gibt es vereinzelt Berichte darüber. Der Verein DigitalCourage hat eine Petition gegen Digitalzwang in Berlin an Abgeordnete des Bundestages aller demokratischen Fraktionen übergeben. Über 70.000 Menschen haben diese Petition unterschrieben. Im Kern fordert sie: „Niemand darf von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden, weil kein Smartphone vorhanden ist oder bestimmte Apps und digitale Dienste nicht genutzt werden wollen.“. Bei der Übergabe der Petition im Mai 2026 gab es zahlreiche positive Reaktionen. Die Aussagen der Politiker*innen dazu machten Hoffnung, dass neben digitalen Lösungen zumindest für Kernaufgaben auch in Zukunft analoge Zugänge erhalten bleiben sollen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Stimmen dann nicht nur politisch sondern auch in der Wirtschaft Gehör finden.

Wie könnte ein Recht auf analoge Teilhabe aussehen?
Der Ball liegt nun beim Gesetzgeber. Die Petition von Digitalcourage fordert eine Ergänzung von Artikel 3 des Grundgesetzes. Der vorgeschlagene Wortlaut: „Niemand darf wegen der Nichtnutzung digitaler Zugangswege benachteiligt werden.“ Neben dieser Ergänzung ist der Gesetzgeber aber auch gefordert, die Dienste der Grundversorgung zu definieren, damit sich die entsprechenden Firmen und Behörden auch daran halten müssen. Diese Dienste müssen dann grundlegende staatliche und auch private Leistungen definieren, für die neben digitalen Lösungen auch analoge Möglichkeiten verpflichtend sind. Dazu gehören staatliche Leistungen wie die Beantragung von Personalausweis oder Reisepass, Bürgergeld und die Rente. Auf privater Seite sollten Kontoführung, Versand und Empfang von Paketen und Päckchen (Packstationen), das Deutschlandticket und andere Fahrkarten für den öffentlichen Verkehr, Hotelbuchungen und weiteres auch in Zukunft ohne Digitalzwang möglich sein.

Quellen und weiterführende Links
Ohne Laptop, Tablet, Smartphone? Das Recht auf analoge Teilhabe
70.111 Unterschriften gegen Digitalzwang überreicht
Digitales Bezahlen: „Die Leute haben sehr gute Gründe, Bargeld zu nutzen“ – netzpolitik.org
Digitalzwang – Kein Leben ohne Internet und Smartphone? | mdr.de
Gut 3 % der Bevölkerung im Alter von 16 bis 74 Jahren in Deutschland sind offline – Statistisches Bundesamt
Home | D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt
Marco Zehe: „KI, Verjüngung des Tierarzt-Te…“ – norden.social

 

Bildnachweis: fermate/iStockphoto.com

Dieser Artikel gibt den Sachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Datum: 13. Juli 2026