„Die Stimme des Volkes?“

Warum Onlinekommentare nicht immer die öffentliche Meinung widerspiegeln

Noch nie war es so leicht, sich mit anderen Menschen zu verschiedenen Themen auszutauschen wie in Zeiten des Internets. Konnte man früher allenfalls einen Leserbrief schreiben, um so auf einen Zeitungsartikel zu reagieren, kann heute prinzipiell jede*r im Internet schnell und unkompliziert einen Onlineartikel kommentieren und mit anderen teilen. Doch nicht jede Stimme ist im Netz gleich laut vertreten. Denn Studien zeigen, dass nur eine kleine Minderheit die Kommentarspalten beherrscht – und das führt zu Verzerrungen im Onlinediskurs.

Das Kommentieren und der Meinungsaustausch spielen online eine große Rolle. Insbesondere durch soziale Netzwerke (Facebook, Instagram, Twitter, YouTube und viele mehr) sind die Interaktionsmöglichkeiten im Internet zwischen Menschen gestiegen. Viele Internetseiten binden soziale Netzwerke und Kommentarspalten ein.

Soziale Netzwerke bieten Menschen einen virtuellen Raum, um sich auszutauschen, sich zu informieren und sich miteinander zu vernetzen. Auch viele Organisationen, Personen der Öffentlichkeit, Verlage sowie Fernseh- und Radiosender nutzen soziale Netzwerke, um auf sich, ihre Angebote und Veranstaltungen aufmerksam zu machen.Sie möchten mehr zum Thema soziale Netzwerke erfahren? Dann schauen Sie doch mal in das Smart-Surfer-Modul 8, „Soziale Medien im Netz“, der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

So können Videos, Zeitungsartikel und vieles mehr kommentiert und geteilt werden. Meist unter dem Beitrag befindet sich eine Kommentarspalte, in der man etwas schreiben und anschließend losschicken kann. Nur wenige Sekunden danach ist das Geschriebene auf der Seite veröffentlicht und kann von anderen gelesen und ebenfalls kommentiert werden. So kann ein Diskurs entstehen.

Ob Bürgergeld-Reform, die Aufnahme von Flüchtlingen oder der Umgang mit der Energiekrise: Politische Themen werden im Internet heiß diskutiert, und das ist auch gut so. Schließlich lebt eine Demokratie vom offenen Austausch – durchaus auch vom Streiten, um Positionen auszuhandeln. Leider bleibt es jedoch nicht immer bei einer sachlichen Diskussion. Sehr oft mischen sich unter die Onlinekommentare auch Beleidigungen sowie Hass und Hetze – gegen Frauen, Flüchtlinge oder andere Minderheiten.

Wer sich regelmäßig in sozialen Netzwerken bewegt, kann so schnell den Eindruck gewinnen, dass der Hass gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen sehr verbreitet ist oder sogar die Mehrheitsmeinung widerspiegelt. Doch das täuscht!

Nur eine kleine Gruppe schreibt den Großteil der Kommentare

Tatsächlich weisen Studien darauf hin, dass das Mitteilungsbedürfnis in den sozialen Netzwerken alles andere als gleichmäßig verteilt ist. So nutzt laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 20221 nur die Hälfte der Deutschen ab 14 Jahren überhaupt regelmäßig, mindestens einmal pro Woche, die sozialen Medien. Und davon ist nur ein Bruchteil auch in den Kommentaren aktiv. So kam der Reuters Institute Digital News Report 20222 der Universität Oxford beispielsweise zu dem Ergebnis, dass nur etwa zwölf Prozent der erwachsenen Internetnutzenden regelmäßig Nachrichtenbeiträge liken, neun Prozent sie teilen und nur sieben Prozent sie kommentieren. Von einer „vox populi“ – einer repräsentativen Stimme des Volkes – kann also nicht die Rede sein.

Sichtbar ist, wer laut schreit

Verstärkt wird dieses Ungleichgewicht durch Algorithmen in sozialen Medien. Ein Algorithmus ist ein Computerprogramm, das wie eine Art Redaktion entscheidet, welche Informationen und Nachrichten Nutzer*innen bei Suchanfragen oder in sozialen Netzwerken erhalten. Sie können auch die Reihenfolge beeinflussen, in der Beiträge und Kommentare gesehen werden. Reißerische, polarisierende Beiträge rufen meist mehr Interaktion hervor, sodass sie von den Plattformen mit zusätzlicher Reichweite belohnt werden. Beleidigende Kommentare werden auf diese Weise also beispielsweise prominenter dargestellt als eine sachliche Einordnung.

Andere Gruppen verstummen

Für eine offene Debattenkultur ist das natürlich fatal. Denn nicht nur, dass ohnehin nur eine Minderheit im Netz diskutiert. Radikale Ansichten dominieren zudem verstärkt den Diskurs, was im schlimmsten Fall zum sogenannten „Silencing“ führt. Das bedeutet, dass bestimmte Gruppen im Netz verstummen, beispielsweise weil sie Hassrede und Einschüchterung fürchten. Die Meinungsvielfalt im Internet schrumpft so noch weiter.

Demokratie braucht Meinungsvielfalt

Umso wichtiger ist es, das Netz nicht den „Schreihälsen“ zu überlassen, sondern sich an Onlinedebatten aktiv zu beteiligen. Denn je mehr Stimmen sich zu Wort melden, umso breiter und interessanter wird der Onlinediskurs. Wir können Menschen und Perspektiven digital begegnen, die wir im analogen Leben vermutlich nie getroffen hätten. Die Themenvielfalt ist dabei unbegrenzt: von Diskussionen über Einwanderungspolitik oder das Rentenniveau bis hin zur Einrichtung einer neuen Parkbank im eigenen Wohnort. Ein Onlineartikel kann so ganz leicht zum Anlass für angeregte Diskussionen werden und den eigenen Horizont erweitern. Denn Demokratie ist bunt, und so sollte auch unsere Netzkultur sein.

Bei der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz finden Sie zahlreiche Publikationen rund um die Digitalisierung. Werfen Sie auch gerne einmal einen Blick in das umfangreiche Veranstaltungsangebot! Mehr unter: www.lpb.rlp.de

Quellen:

Wolfgang Koch: Reichweiten von Social-Media-Plattformen und Messengern. Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2022. In: Media Perspektiv 10/2022. S. 1471–478, https://www.ard-zdf-onlinestudie.de/files/2022/2210_Koch.pdf, aufgerufen am 15.12.22.

Sascha Hölig/Julia Behre/Wolfgang Schulz: Reuters Institute Digital News Report 2022. Ergebnisse in Deutschland. Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut, Juni 2022 (Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts | Projektergebnisse Nr. 63), https://leibniz-hbi.de/uploads/media/Publikationen/cms/media/k3u8e8z_AP63_RIDNR22_Deutschland.pdf, aufgerufen am 15.12.22

Dieser Artikel gibt den Sachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Datum: 11. September 2023