Was wäre, wenn Alter keine Rolle spielen würde? Wenn eine Person über 60 genauso in eine Diskothek gehen könnte wie eine Person um die 20. Wenn einer älteren Person mit Knieschmerzen in einer medizinischen Behandlung genauso geholfen wird, wie einer jüngeren. Wenn Kindern und Jugendlichen gleichermaßen zugehört werden würde wie Erwachsenen. Vielleicht würde es unsere Gesellschaft ein bisschen besser machen.
In unsere Interview-Reihe „Erzähl mir von dir“ geben wir Menschen den Raum über Ihre Lebenswelten zu sprechen. Wir zeigen wie vielfältig das Älterwerden sein kann. In diesem Interview sprechen wir mit Karin Demming, einer Unternehmerin und Preisträgerin des Zugabepreises 2025 der Körber Stiftung. Sie spricht über ihre Unternehmensgründung, Mut und was sie antreibt.
Frau Demming, in dem Alter, in dem viele andere die Jahre bis zum Ruhestand zählen, da haben Sie sich gedacht: „ich gründe ein Unternehmen“. Wie kam es dazu – was hat sie motiviert oder gab es einen Auslöser für diese Entscheidung?
Karin Demming: Ich war vorher bereits Unternehmerin, insofern war die Gründung für bring-together nur ein weiterer Schritt, etwas Neues zu wagen. Am Anfang stand eine Idee »Menschen wieder mehr in Gemeinschaft zu bringen«, die sich aus meinen beruflichen und privaten Erfahrungen entwickelt hat. Es war zunächst nicht klar, ob es ein Unternehmen werden könnte, ich hatte es erst mal als Projekt verstanden. Erst nach Jahren der Pionierarbeit zum Thema gemeinsames Wohnen und zusammen mit meinem Team wurde die Entwicklung der Plattform bring-together vorangetrieben. Als die erste Matching-Version online ging, wollten wir dem ganzen einen rechtlichen Rahmen geben.
Welche Herausforderungen sind Ihnen bei der Gründung begegnet und wie haben Sie diese gemeistert?
Karin Demming: Die Gründung selbst war keine große Herausforderung, die begann eigentlich weit davor. Die Suche nach einem passenden Team zum Beispiel. Ich wusste von Anfang an, dass es dafür mehr Kompetenzen braucht und es nicht möglich sein wird, diese Idee alleine umzusetzen und in den digitalen Raum zu übertragen. Der schwierigste Teil nach der Gründung und unserem Proof of Concept war die Entwicklung eines Geschäftsmodells, dass sich langfristig trägt und der Aufbau eines Marktplatzes mit den wenigen Ressourcen. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen, auf die wir reagieren und gemeinsam meistern müssen. Das gehört einfach zum Unternehmertum dazu. Mit einem starken Team und einer klaren Haltung findet sich für jede Hürde eine passende Lösung. Genau das macht den Weg für mich so wertvoll.
Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit bei „bring together“ heute am meisten Freude und was treibt Sie weiterhin an?
Karin Demming: Das Gefühl mitgestalten und etwas zu unserer Gesellschaft beitragen zu können, trägt mich jeden Tag aufs Neue. Das Verbinden von Menschen entspricht ja meinem Naturell. Auch wenn wir ein digitales Unternehmen sind, bin ich als Außen-und Beziehungsministerin viel im analogen Raum unterwegs. Sozusagen als Botschafterin und Lobbyistin für Menschen, die nicht alleine leben möchten. Über das Tagesgeschäft hinaus, ist meine Arbeit enorm vielfältig, wie z.B. Kooperationen schmieden, die Zusammenarbeit an einer Studie, das Mitgestalten eines Festivals oder die Tätigkeit als Jurorin für sozial-innovative Gründungsideen. Jede einzelne dieser Facetten zahlt auf unsere Vision ein – Menschen zusammenzubringen und dem Wunsch nach einem guten, gemeinschaftlichen Leben Raum zu geben.
Welchen Rat würden Sie anderen Menschen der Generation 60 plus geben, die eine Idee oder einen Traum haben, sich aber noch nicht trauen, ihn umzusetzen?
Karin Demming: Nicht über sein Alter nachzudenken – es ist nur eine Zahl. Es braucht Mut, die Bereitschaft eine Schippe drauf zu legen und die Neugier, immer wieder Neues zu lernen. Ein Gedanke ist im Grunde der erste Schritt: Wer ins Handeln kommt, dem öffnen sich neue Türen. Natürlich gehört dazu auch ein realistischer Blick: Man sollte genau prüfen, ob die Idee Substanz hat und sich tatsächlich umsetzen lässt und am Ende tragfähig ist.
Mein Rat: mit seiner Idee nach draußen zu gehen, sich zu vernetzen und Unterstützung zu suchen und sich dabei nicht von seinem Ziel abbringen zu lassen. Das Wichtigste aber ist, sich nicht entmutigen zu lassen. Es wird immer Skeptiker geben, die die Idee nicht verstehen oder sogar madig machen wollen. Hier sollte man klar zwischen konstruktivem Feedback und unqualifiziertem Gegenwind unterscheiden und auf Kritiker hören, die einen weiterbringen – den Rest einfach ignorieren.
Herzlichen Dank für das Interview, Frau Demming.
Zum Portrait von Karin Demming im Rahmen des Zugabepreises: 2025: Karin Demming • Körber-Stiftung
Zur Website von Karin Demmings Unternehmen bring together: Gemeinsam Wohnen mit Matching | bring-together
Bildnachweis: Patrick Pollmeier







