Freie Enzyklopädie im Internet

Raus aus dem „Elfenbeinturm“ – Wissen für alle

Die Website von Wikipedia wird mit einer Lupe vergrößert.

Beinahe jede Recherche mit einer Suchmaschine führt zu Treffern aus der freien Enzyklopädie Wikipedia – eine der am meisten genutzten Websites weltweit. Im Jahr 2014 griffen 76 Prozent aller Internet-Surfer in Deutschland „mindestens gelegentlich“ auf das freie Wissen von Wikipedia zu; nach Altersgruppen aufgeschlüsselt waren es 94 Prozent der Schülerinnen und Schüler sowie immer noch gut die Hälfte der über 70-Jährigen. Dieser Erfolg hat unter anderem dazu geführt, dass der Vertrieb des Brockhaus 2013 eingestellt wurde.

Trotz dieses großen Erfolgs, wissen aber nur die wenigsten, wie die Inhalte in Wikipedia zustande kommen. Dabei ist gerade dies für das Verständnis der Angaben, die man in dem Portal findet, entscheidend.

Laien schreiben gemeinsam eine Enzyklopädie

Wikipedia wurde 2001 von dem Internet-Unternehmer Jimmy Wales und dem Philosophen Larry Sanger gegründet. Als sich der herkömmliche Weg, Enzyklopädien von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erstellen zu lassen, im schnelllebigen Internet als viel zu langsam und zu schwerfällig erwies, stellten sie die Plattform in ein Wiki, in dem jeder mitarbeiten kann, der Zugang zum Internet hat und sich dazu berufen fühlt.

Anstelle der Expertinnen und Experten sollten nun Laien die Texte und die Bilder beisteuern. Alle Inhalte können direkt im Webbrowser bearbeitet werden. Fehler kann jeder sofort beheben: Die Leserin oder der Leser kann jederzeit zur Autorin oder zum Autor werden und in den redaktionellen Prozess eingreifen. Eine zentrale Redaktion gibt es also nicht, nur die Gruppe aller „Wikipedianer“, wie sie sich selbst nennen.

Manche meinen, die gegenseitige Kontrolle unter den Autorinnen und Autoren sorge dafür, dass die Inhalte im Laufe der Zeit immer besser würden. Dieser Effekt wird mitunter als „Schwarmintelligenz“ bezeichnet. Seit 2008 müssen alle Änderungen in der deutschsprachigen Wikipedia von erfahrenen Autorinnen und Autoren „gesichtet“ werden, bevor sie allgemein gelesen werden können. Ein redaktionelles Konzept oder eine „Leitung“ gibt es aber nicht. Wikipedia ist zu jedem Zeitpunkt unvollständig und unvollendet.

Das Ziel: Das Wissen der Welt „befreien“

Nach den ersten Zeitungsberichten über Wikipedia entstand schnell eine Gemeinde von Autorinnen und Autoren, die ehrenamtlich und gleichberechtigt zusammenarbeiteten. Sie hatten und haben noch das Ziel, alles verfügbare Wissen aus Büchern und Elfenbeintürmen zu „befreien“ und allgemein zugänglich zu machen.

Sind es auch nur einige hundert Benutzerinnen und Benutzer, die die wichtigsten und aufwendigsten regelmäßigen Arbeiten in der deutschsprachigen Wikipedia unermüdlich und rund um die Uhr erledigen, so ist die Zahl der Autorinnen und Autoren insgesamt kaum schätzbar, weil jede Benutzerin und jeder Benutzer so viele Konten anlegen und gleichzeitig betreiben kann, wie sie oder er will. Immerhin sind derzeit etwa 6.000 angemeldete Benutzerinnen und Benutzer Monat für Monat mit mehr als fünf Bearbeitungen aktiv, während andere unangemeldet mitarbeiten, und in diesem Zeitraum entstehen etwa 300 neue Artikel. Bis heute wurden über 1,8 Millionen Artikel auf Deutsch geschrieben und fast 30 Millionen Bilder, Videos und Audios veröffentlicht. Sie stehen allesamt unter einer freien Lizenz, die die Weiterverwendung aller Inhalte erlaubt, sofern bestimmte Vorgaben eingehalten werden – übrigens einschließlich der kommerziellen Nutzung. Insgesamt gibt es Wikipedia mittlerweile in 291 Sprachen. Jede Sprachversion hat ihre eigene Autorengemeinde und erstellt ihre eigenen Artikel.

Organisatorisches

Seit 2003 ist die gemeinnützige Wikimedia Foundation mit Sitz in San Francisco Träger von Wikipedia. Sie finanziert sich ausschließlich über Spenden, die in Deutschland vom Förderverein Wikimedia Deutschland eingesammelt werden; 2014 kamen über 8,2 Millionen Euro zusammen, zum größten Teil durch kleine Beträge bis zu 20 Euro.

Was findet man in Wikipedia?

Nicht alle denkbaren Themen wird man in Wikipedia finden; nur „enzyklopädisch relevante“ Begriffe und Personen werden in eigenen Artikeln beschrieben. Was nicht in dieses Bild passt, löschen die ehrenamtlichen Administratoren meist schnell wieder.

Wie zuverlässig ist Wikipedia?

Alle Angaben, die sich nicht von selbst verstehen, müssen mit Fußnoten belegt werden. Diesen Belegen kann man nachgehen, um die Artikel zu überprüfen. Das ist notwendig, weil die Offenheit von Wikipedia zugleich ihre größte Stärke und ihre größte Schwäche ist: Dadurch wird sie anfällig für Manipulationen aller Art. So finden sich immer wieder Lexikon-Artikel, die formal korrekt und scheinbar plausibel etwas beschreiben, was es in Wirklichkeit nie gegeben hatte: fiktive Biografien, nie gehörte Hörfunksender oder erfundene Kriege etwa. Meist stehen die Artikel nur kurz in Wikipedia, manchmal bleiben sie aber auch jahrelang unentdeckt.

In jüngerer Zeit haben die Beiträge von Werbe- und Public-Relations-Agenturen deutlich zugenommen, was unter den Autorinnen und Autoren umstritten ist, weil der mit dem bezahlten Schreiben verbundene Interessenkonflikt die Neutralität der Darstellung gefährdet – ein wichtiger Grundpfeiler des Online-Lexikons.

Die Qualität der Beiträge ist sehr unterschiedlich, sie hängt ab von der Mühe und dem Standpunkt der jeweiligen Autorinnen und Autoren.

Fazit

So bleibt die Skepsis sicherlich ein guter Ratgeber beim Nachschlagen in der freien Enzyklopädie. Dabei sollte man sich aber die Faszination nicht nehmen lassen, das Staunen über ein offenes und vollständig selbstverwaltetes Bildungsprojekt, in dem Wissen frei weitergegeben wird – eine große kulturelle Leistung, deren Erfolg so unwahrscheinlich war, dass es sie genaugenommen gar nicht geben dürfte. Denn ein bekannter Satz über Wikipedia lautet: Sie funktioniert nur in der Praxis – in der Theorie wäre sie unmöglich.

Literaturnachweise:

ARD/ZDF-Onlinestudie 2014. Daten. In: Media Perspektiven 7-8/2014, S. 430, Tabelle 7. Online: http://www.media-perspektiven.de/publikationen/fachzeitschrift/2014/artikel/statistik-0bccc4fd86/

Ziko van Dijk. Wikipedia. Wie Sie zur freien Enzyklopädie beitragen. Open Source Press. München. 2010. ISBN 978-3-941841-04-8

Torsten Kleinz. Schutzgelderpressung in der Online-Enzyklopädie. In: Die Zeit. 1. September 2015. Online: http://www.zeit.de/digital/internet/2015-09/wikipedia-pr-artikel-netzwerk-enttarnt

Wikimedia Deutschland: Wikipedia: Mehr Spenden als erwartet. Pressemitteilung. 31. Dezember 2014. Online: https://wikimedia.de/wiki/Pressemitteilungen/PM_12_14_Spendenkampagne

Dieser Artikel gibt den Sachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Datum: 1. Oktober 2015

Kommentare sind geschlossen.